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Sind Business-Privilegien noch zeitgemäß?

Thomas Funk
Experte für Business-Empathie
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Dienstwagen, Business Class, Eckbüro, Restaurant statt Kantine: Privilegien altgedienter Manager*innen sind Köder auf der Karriereleiter. In agilen Organisationen hingegen wirken sie wie Relikte aus einer anderen Zeit. Weiterführen oder abschaffen?

Vor einiger Zeit war ich mit einer Gruppe beim Bergwandern, die allesamt aus gestandenen Herren in höheren Führungspositionen oder Selbstständigen bestand – mit einer Ausnahme: mir. Mit einem konventionellen Karriereverständnis betrachtet, war ich der Exot, der mit Mitte 50 nach der agilen Transformation seiner Organisation in einem hierarchiefreien, selbstorganisierten, eigenverantwortlichen Team arbeitet, das Entscheidungen basisdemokratisch trifft.

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Privilegien altgedienter Manager*innen – weiterführen oder abschaffen (Quelle: Adobe Stock / ryanking999)?

Für einige meiner Mitwanderer war das sehr disruptiv, aber sie waren interessiert und wollten mehr wissen… über unser Setup, unser Mindset und über unsere Reise in die Agilität. Irgendwie kamen wir in der Diskussion auf das Thema „Privilegien“ zu sprechen. Als ich provokativ sagte, dass mit der konsequenten Umsetzung unserer Neuaufstellung auch die Frage nach der Anzahl der Fenster in den Büros geklärt ist und es bei uns in diesem Sinne keine Privilegien gibt, waren die Grenzen unserer Diskussion schnell erreicht. Meine Position erntete nur wenig Verständnis.

Was sind Privilegien?

Lass‘ uns also heute über Privilegien reden und überlegen, ob sie zu dem passen, was wir unter einer agilen Organisation mit den oben beschrieben Merkmalen verstehen. Ein kurzer Blick in die Wikipedia genügt für das Grundverständnis: „Ein Privileg (…) ist ein Vorrecht, das einer einzelnen Person oder einer Personengruppe zugeteilt wird.“ Qua Definition ist es also so, dass die Existenz von Privilegien gleichzeitig die Existenz von Benachteiligung bedeutet, denn überall dort, wo es Mitarbeitende mit Vorrechten gibt, gibt es auch Mitarbeitende ohne.

Welche beruflichen Privilegien gibt es?

Lass‘ es uns so benennen: Wir reden im Kontext dieses Beitrags über Privilegien als Ausdruck von Status, Macht und Einfluss. Das fängt an bei Rollen- und Funktionsbezeichnungen, reicht über Merkmale wie die Anzahl von Fenstern im Büro, die Größe des Dienstwagens oder den reservierten Parkplatz, schließt Kompetenzen, Entscheidungsbefugnisse und informelle Netzwerke ein und führt am Ende zu Auswüchsen wie Seilschaften oder Gender Pay Gap. Das Thema ist beliebig komplex, weshalb ich im Folgenden stellvertretend nur die Privilegien betrachte, die im direkten Einflussbereich einer Unternehmensorganisation stehen – die also unabhängig von Geburt, Herkunft, Bildung, Geschlecht und Ethnie zu sehen sind.

Privilegien als Abbild für früheren Erfolg

Titel, Genehmigungskompetenzen, Führungsverantwortung, eine eigene Assistenz, die Zugehörigkeit zu einem „Club“: Privilegien stehen symbolisch für Erfolg, und das ganze System ist darauf ausgerichtet, dass es erstrebenswert ist, Erfolg sichtbar zu machen. Eins haben jedoch diese Privilegien gemein: Sie beziehen sich auf die Vergangenheit und zahlen nicht auf die Zukunft ein. Schon allein aus diesem Grund sind Privilegien in einer Zeit, die nur nach vorne blickt und kontinuierlich Innovationen mit immer kürzeren Veränderungszyklen erzwingt, zu hinterfragen: Denn das, was Du gestern erreicht hast und für das Du heute belohnt wirst, ist schon morgen vielleicht nur noch die Hälfte wert. Und weil Privilegien nur sehr selten zurückgenommen werden, wenn die Grundlage nicht mehr gegeben ist, führen sie sich und ihre Glaubwürdigkeit selbst ad absurdum.

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Privilegien stehen symbolisch für Erfolg, und das ganze System ist darauf ausgerichtet, dass es erstrebenswert ist, Erfolg sichtbar zu machen (Quelle: Adobe Stock / olly).

Was bewirken Privilegien?

Natürlich ist es schön, wenn Dir ein Privileg zuteilwird. Du fühlst Dich wertgeschätzt, Deine Leistung anerkannt, belohnt. Möglicherweise hast Du darauf hingearbeitet, und vielleicht motiviert es Dich auch. Aber dann? Qua Definition müssen Privilegien ein „rares“ Gut bleiben. Es wird daher immer Kolleg*innen geben, die sie nicht bekommen, obwohl sie sie auch verdient hätten. Privilegien sind per se nicht gerecht. Sie dienen der Abgrenzung und der Elitenbildung innerhalb einer Organisation – und der Spaltung. Es gibt diejenigen, die sie haben und sich damit als etwas „Besseres“ fühlen können – und es gibt diejenigen, die sie nicht haben.

Wofür sind Privilegien nützlich?

Ich wage mal eine These: Privilegien haben unter dem Strich keinen Nutzen für eine Organisation. Möglicherweise spekulieren Unternehmen mit ihnen darauf, für Bewerber*innen attraktiv zu sein. Aber was hat man am Ende davon, wenn sich jemand für das Unternehmen aufgrund der Privilegien entscheidet? Diese Person zieht weiter, wenn es woanders mehr Privilegien gibt, oder? Am Ende ist das Gewähren von Privilegien sowohl von der vergebenden als auch von der empfangenden Stelle zutiefst egoistisch. Und das Beibehalten beziehungsweise Nicht-in-Frage-stellen von Privilegien ist ein bequemes Beharren in Strukturen von gestern.

Mein Fazit

Du vermutest richtig: Ich mag keine Privilegien. Ich fühle mich nicht wohl damit und sehe darin keinen Nutzen für das große Ganze. In unserer Organisation gibt es, mit ganz wenigen Ausnahmen dort, wo es aufgrund regulatorischer Vorgaben notwendig ist, keine Privilegien im Zusammenhang mit zugesprochenen Rollen oder Funktionen. Wertschätzung und Anerkennung erfährst Du aufgrund Deiner Wirkung und Spürbarkeit – und aufgrund des Wertes, den Du für die Organisation erzeugst. Ich finde das fair und einer hierarchiefreien, interdisziplinären, selbstorganisierten und eigenverantwortlichen Organisation angemessen.

Berufliche Privilegien erscheinen mir wie Relikte aus der Vergangenheit mit einer Referenz ins letzte Jahrtausend. Ihr Nutzen mag sich mir nicht erschließen. Ich bin kein Fan von Gleichmacherei, aber ein Fan von Chancengleichheit. Eliten stehe ich sehr skeptisch gegenüber. Jeder Teil einer Organisation sollte sich entsprechend der eigenen Möglichkeiten und Talente auf der Grundlage gegenseitigen Vertrauens einbringen, um die gemeinsam vereinbarten Ziele zum Nutzen aller zu verfolgen. Dann klappt es auch mit dem Erfolg. Das mag nach einer Utopie klingen, aber es ist das, woran ich glaube und wofür ich arbeite. An einen Nutzen von Privilegien glaube ich nicht.

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Jeder Teil einer Organisation sollte sich entsprechend der eigenen Möglichkeiten und Talente auf der Grundlage gegenseitigen Vertrauens einbringen, um die gemeinsam vereinbarten Ziele zum Nutzen aller zu verfolgen (Quelle: Adobe Stock / bbk22).

Lessons Learned: Business-Privilegien

  • Das, was Du gestern erreicht hast und für das Du heute belohnt wirst, das kann schon morgen nur noch die Hälfte wert sein => kein Grund, sich darauf auszuruhen!
  • Privilegien dienen der Abgrenzung und der Elitenbildung innerhalb einer Organisation – und der Spaltung. Denn den wenigen, die einen Vorteil daraus ziehen, stehen viele gegenüber, die diesen Vorteil nicht haben.
  • Wertschätzung und Anerkennung erfährst Du aufgrund Deiner Wirkung und Spürbarkeit, nicht aufgrund von Privilegien – erst Recht nicht, wenn sie sich in Vergangenem begründen.

Einen spannenden Artikel zum Thema Chancengleichheit finden Sie hier.

Quelle Titelbild: AdobeStock/ peshkov

Thomas Funk
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