Verstehen kommt vor dem Entscheiden

Dominika Rantasa - metaMind
Expertin für Marketing
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Schneller, höher, weiter – unsere (Business-)Welt ist geprägt von Schnelligkeit, Leistungsdruck und Dynamik. Da müssten eigentlich alle an einem Strang ziehen. Mitläufer sind allerdings nicht gefragt – erst vielschichtige und konträre Meinungen bilden zusammen eine solide Ausgangsbasis.

„Geschwindigkeit entscheidet heute über Erfolg und Misserfolg“ – wie vieles im Leben hat jedoch auch diese weit verbreitete Annahme zwei Seiten. Mündet Schnelligkeit in eine voreilige Überstürztheit, ohne innezuhalten, hinzuschauen und reinzuspüren, verlieren wir oft den Blick dafür, welche der vielen Alternativen und Wege richtig sind. Geht das Big Picture verloren, spricht man vom Shiny Object Syndrome – Oberflächlichkeiten lenken uns ab, wir sind tendenziell auf Harmonie gepolt. Die Einheitlichkeit von Meinungen zeigt sich durch ein Mitlaufen, sich nicht zu Wort melden, ein Mitmachen.

Ja-Sager oder Widerständler

Um sich wieder zu erden, können polarisierende Gefühle wie konstruktive Wut und Zorn helfen. Sie dienen als Energielieferanten für Gestaltung und Weiterentwicklung und bilden Impulse für Beschleunigung sowie echte Veränderung. Im ersten Moment klingt dies irritierend, bei genauerer Betrachtung wird jedoch klar: Was macht eigentlich ein gutes Gespräch aus? Wenn Positionen in den Raum gestellt und von allen bejaht werden? Oder wenn es ein zähes Ringen gibt, weil jeder auf seiner Position beharrt?

Konstruktive Wut und Zorn können als Chance wahrgenommen werden, um ein Gespräch ins gemeinsame Tun zu verwandeln (Quelle: AdobeStock /JorgeAlejandro).

Vielmehr bedeutet ein fruchtbares Gespräch Begegnung, bei der jede Anwesende authentisch bleibt, Gefühle zeigt und alle miteinander in den Fluss einer Thematik einsteigen. Zusammen wird ein Weg gestaltet, der alle zu einem unerwarteten Punkt bringt. Durch diese Bewegung kommen die Gesprächspartner ins gemeinsame Tun. Und nur so werden sie den vielschichtigen Zusammenhängen der komplexen Welt gerecht.

„Alles bewegt sich, aber nichts passiert“

Im Rahmen unserer Gesprächsserie #metaForward gibt uns der Autor Wolf Lotter zu Bedenken: Wer auf den kurzfristigen Effekt von temporeichen Lösungen und einer starken Ergebnisperformance abzielt, verschenkt die wahre Beschleunigung. Diese ergibt sich, wenn ein gemeinsames Fundament entstanden ist, von dem aus der Weg beschritten wird.

Autor Wolf Lotter weiß aus eigener Erfahrung, auf welche Weise sich Firmen damit schwertun, dass Mitarbeiter*innen sich selbst als Innovatoren begreifen (Quelle: metafinanz).

Wie oft sprechen wir aneinander vorbei und erleben einen rasenden Stillstand? Alles bewegt sich, aber nichts passiert. Lotter beobachtet seit 30 Jahren, auf welche Weise sich Firmen damit schwertun, dass Mitarbeiter*innen sich selbst als Innovatoren begreifen. Oftmals wirken Strukturen zwar revolutionär, doch wer genauer hinsieht, entdeckt, dass sie konservativ auf Bestand und Zustimmung ausgelegt sind. Solche verdeckten informelle Strukturen verhindern echtes Innovatorentum.

Selbstbestimmtes Arbeiten und Innovation

In erfolgreichen Firmen hingegen wird es Menschen ermöglicht, ihre Talente auszuleben. So können sie sich als Kern aller Veränderungen begreifen und eine kostbare Ressource für ihr Unternehmen sein. Selbstbestimmtes Arbeiten setzt voraus, dass die Mitarbeiter*innen lernen, sich gegenseitig zu ergänzen. Dafür müssen sie untereinander kontrovers kommunizieren können. Das A und O dabei ist, den anderen auf tieferer Ebene zu verstehen und die größeren Zusammenhänge zu erkennen. Damit schlägt jeder die Brücke zu einem gemeinsamen Anliegen: Innovation.

Kontextkompetenz erlernen

Wirkliche Veränderungen und Neuerungen brauchen ein Fundament, um innezuhalten und sich fundiert mit dem Wesen der Dinge auseinanderzusetzen. Die humanistische Bildung werde dabei heute in ihrer Bedeutung unterschätzt, sagt Lotter. Lernen zu lernen, sei wesentlich. Denn Kontextkompetenz bildet die Basis aller Neuerungen. Gefühle, wie Wut, Zorn und Angst kommen auf, wenn jemand nichts mehr versteht. Er steigt aus. Wer damit umzugehen lernt, überwindet seine Passivität, seine Ohnmacht und kommt selbst wieder ins Handeln. Sogar gesellschaftlich könnte so die Komplexität der Zeit bewältigt werden.

Individuen sichtbar machen

Gerade die unterschiedliche Wahrnehmung der Realität ist es, die Verschiedenartigkeit auf allen Ebenen erzeugt. Wer Diversität als Normalzustand begreift, der akzeptiert und erfasst Vielfalt als Ressource. Wenn alle gleichgeschaltet an einem Strang ziehen, werden Unterschiede nivelliert. Für Lotter ist gerade die Inkompatibilität etwas Gutes, und er benennt den wahren Wert von Firmen darin, Inkompatibles kompatibel zu machen. Wie? Indem wir mehr zuhören. Weniger behaupten. Weniger unsere eigene Meinung durchsetzen wollen, sondern miteinander ausprobieren und einfach anfangen. Wer die Angst vor dem eigenen Sichtbarsein als Individuum überwindet, der fängt an, sich zu bewegen. Das eigene Unbehagen zu äußern, ist hierfür der Anfang.

Sein eigenes Individuum sichtbar zu machen und gleichzeitig alle an einem Strang ziehen, werden Unterschiede nivelliert (Quelle: AdobeStock/studio v-zwoelf).

Schaffen wir also zusammen in jedem Augenblick eine Kultur, die dies möglich macht. Und uns Raum gibt für eigene Überlegungen und Positionen anstelle einer schnellen Zustimmung. Dann sind wir alle Innovatoren, die mit dem Wesen der Dinge umgehen können und echte Veränderungen in die Welt bringen.

Quelle Titelbild: AdobeStock/freshidea

Dominika Rantasa - metaMind
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